“Es fehlt die Waffengleichheit”. Spickmich-Urteil zeigt massive Probleme professioneller Kommunikation auf

Posted by on Juni 30, 2009 at 7:11 am.

Der BGH hat entschieden. Und damit stellt er Weichen. Der BGH stellt die Meinungsfreiheit im konkreten Fall über den Persönlichkeitsschutz. Das ist ein klares Votum für das “Social Web.

Was im Internet derzeit stattfindet, ist der Beginn eines massiven sozio-kulturellen Wandels. Menschen artikulieren sich, Menschen melden sich zu Wort, Menschen beteiligen sich. Und der BGH sagt nun, dass das ein ganz hoher Wert sei. Manche bezeichnen es als “Sucht zur Öffentlichkeit” (”Hart aber Fair” vom 23.06.). Oberflächlich betrachtet mag das vielleicht sogar stimmen. Dahinter steht aber noch etwas anderes: Das (Mit-) Teilen. Menschen wollen ihre Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Sie wollen sie damit schlauer machen. Sie wollen damit beitragen. Sie wollen geben, sie wollen bekommen – du kriegst was du gibst. Und Menschen wollen gehört werden. Sie wollen ein Stimme haben. Es sind derzeit “nur” ein paar hunderttausend, aber sie haben eine Stimme, die niemand überhören kann. Und so werden sie zur Macht. Wer sich nicht aktiv auf sie einstellt, dem drohen große Probleme.

Diese Entwicklung ist faszinierend. Es scheint, es könne sich damit mehr Demokratie entwickeln. Oder besser eine “Kollabokratie”; Die Herrschaft der Zusammenarbeitenden. Auch wenn der Begriff schief ist. Und diese Entwicklung geht rasant voran. Das BGH-Urteil ist nur ein kleiner Baustein. Dazu kommen faszinierende technische Entwicklungen wie Google Wave oder neue Partizipations-Initiativen wie der des Hamburger Bürgerhaushalt. Die Liste ist endlos lang.

Die Entwicklung birgt aber auch ungeheure Gefahren. Denn es bildet sich neben den klassischen Gewalten und dem Journalismus eine fünfte Macht, die sich erstmals ziemlich weit außerhalb der Gewaltenteilung bewegt. Sie ist nicht kontrollierbar. Sie entzieht sich jeder Gerichtsbarkeit. Sie entzieht sich sogar vielfach auch des Zugriffs der Exekutive. Das Problem wird in dem Handelsblatt-Artikel angeschnitten: Es herrscht keine Waffengleichheit.

Vielmehr wird vielfach ein Guerillakrieg geführt. Die Kultur des “Realtime Webs” bringt leider auch mit sich, dass Menschen sich nicht mehr so sorgfältig eine Meinung bilden. Wir informieren uns nicht richtig und geben sofort ein Votum ab: Ein „Retweet“ auf Twitter, eine Unterzeichnung einer Petition, eine hämische Bemerkung, ein kompromittierendes Bild. Das öffnet Populismus und Polemik die Türen. Wer nach diesen Regeln spielt, bekommt sehr schnell Aufmerksamkeit, und kann, dank der enormen Verbreitungskraft von Twitter & Co., ganz schnell die Massen mobilisieren. Ein schönes Beispiel ist “Zensursula”, eine Initiative von Netzaktivisten gegen das „Zugangserschwerungsgesetz“ der Bundesregierung gegen Konderpornos.  So sehr man das Gesetz auch kritisieren kann: Die Debatte war und ist aus meiner Sicht wirklich hanebüchen. Sie ist bestimmt von manipulativen Kampfbegriffen, die es nicht fördern, sich ein differenziertes Bild davon zu machen. Im Gegenteil: Hier wird die Fehl- und Falschinformation schon fast zur Regel.

Und die Medien spielen mit. Und das finde ich erschreckend. Wenn der Stern beispielsweise die deutsche Bundesregierung wegen dieses Gesetzes “Schulter an Schulter” mit dem iranischen Terror- und Zensurregime stellt, ist das nicht nur populistisch und polemisch, sondern respekt- und geschmacklos. Und auch der Spiegel stellt journalistische Genauigkeit immer öfter hinter einer vermeintlichen Sensationsstory zurück. Es ist eine Tragödie, wie armselig manche Verlage den Wettkampf gegen die neuen Medien aufnehmen. Sie versuchen sie mit den eigenen Waffen zu schlagen. Sie versuchen mit den Wölfen zu heulen. Ich würde mir wünschen, wenn sie dem etwas Einhalt gebieten würden und Orientierung verschaffen. Aber das ist eine andere Diskussion.

Wie geht die PR damit um? Die “Informationsherrschaft” verschiebt sich derzeit dramatisch. Die vergangenen hunderte, ja tausende von Jahren war “Information” ein Herrschaftsinstrument, das die Mächtigen ausgeübt haben – Unternehmen und Politiker gleichermaßen. Sie haben – zum Teil unterstützt wie kontrolliert durch die Medien – die Informationslage bestimmt. Damit haben sie auch die Meinungsbildung bestimmt. Und sie haben dieses Instrument einseitig ausgenutzt. Heute haben die Mächtigen dieses Herrschaftsinstrument verloren. Die technischen Entwicklungen ermöglichen es jedem, zu publizieren. “Das Volk”, jeder Einzelne, verfügt heute im Prinzip über die gleichen technischen Publikationsmöglichkeiten wie ein Verlag. Und es gibt viele Beispiele, in denen Blogger in der Popularität und Reichweite klassische Medien weit hinter sich gelassen haben. Es herrscht Anarchie im Informationsmarkt. Und genau die bestätigt der BGH in seinem Urteil im Grundsatz: Grundsätzlich darf niemand über die Meinungs- und Informationsfreiheit herrschen.

Anarchie im Netz, Beschränkung bei den Unternehmen. Ich persönlich finde das gut. Auch wenn wir alle lernen müssen, mit dieser Freiheit umzugehen. Die Entwicklung ist rasant, und weder wir als Individuen noch die Strukturen kommen wirklich hinterher. Sorgen machen ich mir über meinen Beruf. Denn den Organisationen ist es verboten, die gleichen Waffen einzusetzen, wie “dem Volk” im Netz. Schüler dürfen – auch polemisch und anonym – Lehrer kritisieren. Lehrer dürfen das nicht tun. “Das Volk” darf sich in der Meinungsbildung organisieren. Wenn das eine Organisation tut, hagelt es massive Kritik, wie zuletzt beim Bauernverband geschehen.

Wir brauchen neue Konzepte in der PR. Ich beschwere mich nicht. Es ist richtig, dass sich Organisation und Verbände – mit anderen Worten: die PR – an hohe ethische Regeln halten. Im Kampf um die öffentliche Meinung sind sie trotzdem (derzeit) benachteiligt. Wenn sich das Netz-Volk erhebt, haben sie keine Chance. Jedenfalls nicht in den heutigen Denkweisen. Ich meine: Wir (also die PR-Professionals) müssen unser Selbstverständnis dringend überprüfen. Unternehmen brauchen eine neue Offenheit, eine kontinuierliche(re) Präsenz und eine hohe Reputation. Das „Relations“ in der PR rückt in den Vordergrund. Nur wer authentische Beziehungen aufbaut, nur wer durch Transparenz in seiner Organisation aufbaut, ist stabil gegen Angriffe. Wem das nicht gelingt, wird schnell im Dschungel der Meinungsbildung umkommen. Jeder dunkle Fleck in einem Unternehmen bietet Raum für Spekulationen, Potenzial für Gerüchte, eine Angriffsfläche für Polemiker und Aktivisten. Dagegen schafft Transparenz auch

Die Selbstregulierung aktivieren. Das Schöne am Netz ist, dass es hohe Selbstregulierungskräfte hat. Wer Wahrhaftig ist, findet Fürsprecher. Und diese Fürsprecher setzen sich ein. Auf diese Weise entstehen „Armeen“, die gegen Guerilla-Angriffe vorgehen. Und sie machen das freiwillig. Sie machen das, weil sie Partei ergreifen wollen. Sie machen es, weil ihnen Ungerechtigkeit zuwider ist. Das ist die gute Nachricht. Diese Unterstützung kann man aber nicht einfordern. Man muss sie sich verdienen. Einerseits durch eine saubere Geschäftspolitik, und andererseits durch eine gute, moderne Kommunikation. Ich für mich habe das Cluetrain-Manifest wieder entdeckt. Es ist sicherlich noch lange nicht „die Lösung“. Aber es bietet viele interessante Ansätze und taugt aus meiner Sicht hervorragend als Blaupause für ein modernes Leitbild für die PR.

Ich finde diese Entwicklung enorm spannend.

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