Ich bin seit gut zwei etwa vier Stunden unruhig. Ich ärgere mich. Warum? Ich habe eine Replik von dem Verfasser eines FAZ-Artikels zum Thema “Vodafone” bekommen, den ich kommentiert hatte. Und ich bin aus dem Kopfschütteln irgendwie nicht mehr raus gekommen: Die reinste Polemik, persönlich, unsachlich, ja sogar nahe an Verleumdung. Von einem (vermeintlichen) FAZ-Journalisten! Jetzt habe ich das recherchiert und verstehe es viel besser. Und ich schreibe darüber in diesem Blog, weil es für mich viel von dem Millieu verdeutlicht, in der Meinungsbildung aktuell stattfindet. Er schließt fast nahtlos an einen der letzten Blogbeiträge “Waffengleichheit” an. Man kann daraus lernen.
Der FAZ-Journalist heißt “Don Alphonso”. “Aha! Don Alphonso”, wird vielleicht manch einer sagen. Ich kannte bisher flüchtig seinen Namen, aber nicht seine Historie. Don Alphonso heißt mit bürgerlichem Namen Rainer Meier. Er war mal ein bekannter Blogger. Glaube ich zumindest. Oder er ist es noch. Interessant zu Don Alphonso finde ich den Beitrag von Stefan Niggemeier: “Don Alphonso will kein Dreckschwein sein” sowie den von Peter Turi in Lexikon2.de: “Er selbst hält sich für den Paten der Blogs, andere sehen ihn ihm eher einen Troll und Taugenichts”. Egal, jedenfalls schreibt Don Alphonso seit einiger Zeit auch für die FAZ.
Und Don Alphonso alias Rainer Meier schreibt für die FAZ nicht nur Glossen oder Kommentare, er schreibt auch richtige Beiträge. Journalistische. Zumindest im redaktionellen Teil. Da steht einfach irgendwo sein Name, und der unerfahrene Leser denkt sich nichts besonderes dabei. Wie heute bei seinem Beitrag mit dem Titel “Vodafone lädt auf und eckt an“. Dieser Artikel ist nicht in der Rubrik “Blogs” erschienen, auch nicht unter der Rubrik “Glosse” oder “Meinung”, sondern unter “Aktuell | Feuilleton | Medien”. Und der Artikel liest sich auch wie ein journalistischer Bericht.
Aber ist er es auch? Ein journalistischer Bericht? Oder ist es Vodafone-Prügel von einem fundamentalistischen Blogger, der geschickt die – praktischerweise ja vielfach vorliegenden – negativen Berichte in der Bloggersphäre nutzt, um seine Meinung zu transportieren? Don Alphonso ist nämlich parteiisch. Sehr parteiisch. Er ist befangen. Seine Geisteshaltung sieht man sehr schön an den Beiträgen in seinem Blog, besonders schön der Beitrag “Das angeblich originale vodafail blogposting” (s.a. Kommentare). Darf so jemand einen Beitrag in der FAZ schreiben? In einem Leitmedium? Da diskutiert die Welt über die zunehmende Bedeutung der klassischen Medien für die Orientierung in einer Welt voller zweifelhafter Informationen im Social Web, und dann schreibt in einem Leitmedium jemand über ein Thema, über das er sonst sonst nur Häme und bissigen Spott verbreitet. Damit mich keiner missversteht: Die Meinung von Don Alphonso ist mir heilig. Er darf Vodafone und die Aktionen finden wie er will. In vielen Dingen gebe ich ihm sogar recht. Aber ich frage mich, ob so jemand der richtige Mann ist, um die Meinungsbildung verantwortungsvoll zu “leiten”. Denn er nimmt genau die Kritik in den Blogs auf, ohne (auch) den Kontext darzustellen.
Sei es drum, es ist ja auch Teil des Meinungsbildungsprozesses, dass Debatten geführt werden. Dass zusätzliche Aspekte von anderen Diskussionteilnehmern aufgezeigt werde. Ich empfand den Artikel von Don Alphonso (ohne da schon seine Geisteshaltung zu kennen) spontan als einseitig, weil er den Aspekt “Öffnung durch Vodafone” völlig ausklammert (s.a. Holger Schmidt in seinem Beitrag: Vodafone und die Blogger). Er vermittelt aus meiner Sicht einen falschen Eindruck von dem, was bei Vodafone stattfindet. Und so verfasste ich eben diesen Kommentar:
Generation Rumgemecker
Ich muss sagen, dass mir ein “Was immer Du startest, es kann die Welt bewegen” deutlich mehr gefällt als ein “Pass bloß auf, es könnte ein Debakel werden”. Lieber “Herr Alphonso”, warum reihen Sie sich auch in die Reihe derer ein, die über Vodafone herziehen? Weil das die Wahrheit ist? Ist sie nicht. Ich widerspreche. Ich war auch in der Pressekonferenz, und in den Bemerkungen waren auch eine ganze Menge sehr anerkennende Worte. Würde es die journalistische (oder auch ethische) Pflicht nicht gebieten, BEIDE Seiten darzustellen? Ganz ohne Frage hat Vodafone Fehler gemacht. Aber es ist trotzdem extrem anerkennenswert, dass sich Vodafone (als erster?) Consumer-Konzern dieser “Generation Upload” stellt, die sie empowern will. Und das ist ein sehr guter und sehr lobenswerter Schritt. Ich habe das ja schon an anderer Stelle gesagt (http://blog.talkabout.de) und dort ist es auch schon reichlich diskutiert worden. Jede Veränderung beginnt mit einem Dialog. Ich würde mich freuen, wenn wir in Deutschland eine Kultur entwickeln könnten, die auf Öffnung und Anerkennung fußt. Alle fordern das immer ein, aber wenn es mal jemand macht, dann wird nach Kräften drauf eingeschlagen. Ich finde das schwach. Und verlogen. Denn das ändert nichts.
Ich meine das wirklich. Ich glaube, dass die Welt besser wird, wenn sich Unternehmen den Menschen im Diskurs offen stellen. Und Vodafone tut das. Natürlich ist das nicht “die Wahrheit”, aber es ist zumindest ein Aspekt, über den man trefflich (und sachlich) diskutieren kann. Stattdessen bekomme ich (öffentlich!) folgende Replik:
Generation Egopromotion
Lieber Herr Lange, ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn Sie bei solchen Äusserungen einen Hinweis einflechten könnten, wer und was Sie sind: Ein PRler nämlich, der nun schon, wie andere Kollegen der Branche, etwa Herr Lünenburger von Edelman, seit einiger Zeit durch diverse Blogs zieht und Stimmung für Vodafone macht. Ihr selbstgebastelter Blogeintrag ist übrigens der Freundlichste, den ich finden konnte, und zugleich auch jener, den Vodafone selbst als einzigen unter bichstäblich tausenden negativer Reaktionen verlinkt hat. Ich muss gestehen, dass ich mich dem Urteil eines Ihrer Kollegen, der diese Haltung – die auch ih Ihrem Kommentar zum Ausdruck kommt – mit dem schönen Wort “Beratungsgeier” belegt hat, nicht ganz verschliessen kann (http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2009/07/vodafone-wir-haben-nichts-verstanden.html). Ich empfand diese Form der Eigenwerbung bestenfalls als marginal, insgesamt aber ganz sicher nicht als zitierenswert. Vodafone ist selbst breit zu Wort gekommen. Ein Testimonial von Vodafone ist zu Wort gekommen. Insofern fände ich es reizend von Ihnen, mir keine Belehrungen zum Journalismus zu erteilen; ich gebe Ihnen ja auch keine Seminare in schamloser Egopromotion.
Man ziehe sich das mal rein. Vodafone ist mit der Kritik deutlich professioneller umgegangen. Nicht der kleinste Ansatz vom Don, auf die inhaltliche Frage einzugehen. Vielmehr persönlich beleidigt sein, Fragen als Belehrungen verstehen und ansonsten reine Polemik. Wobei das, was Don Alphonso macht, eigentlich nicht einmal den Namen “Polemik” verdient. Zitat Wikipedia zu “Polemik”: “Gegebenenfalls bedeutet dies auch die – mehr oder weniger – subtile Beschuldigung des Opponenten, keineswegs jedoch den Verzicht auf sachliche Argumente.” Don Alphonso verzichtet komplett auf die Argumente und beschränkt sich darauf, mich als Person zu diskreditieren. Und dabei schreckt er auch vor Populismus – und ich würde fast sagen: “Stigmatisierung” – nicht zurück. Alleine, dass ich ein “PRler” bin, scheint mich zu disqualifizieren. Er erweckt damit sogar den Eindruck, dass ich nur deswegen positiv über Vodafone rede, weil ich von Vodafone bezahlt bin – oder fast noch schlimmer: es gerne wäre. Abgesehen davon ist es schlichtweg falsch, dass ich “seit einiger Zeit Stimmung für Vodafone” mache. Ich habe vor zwei Tagen einen (!) differenzierten und durchaus nicht kritikarmen Blogbeitrag geschieben – wobei PRler ja scheinbar nicht schreiben (so wie echte Blogger oder Journalisten), sondern “selbstbalsteln” (s.o.). Und offensichtlich braucht er inhaltlich auf meine Fragen nicht einzugehen, weil ich ja nur “schamlose Eigenpromotion” betreibe.
Ich fände so etwas okay, und würde mich gar nicht beschweren, wenn ich mich “auf der Straße” bewege, also wirklich in der tiefen Blogosphäre. Da gehört *dieser* Ton vielfach zum *guten* Ton. Im Umfeld der FAZ hätte ich allerdings etwas anderes erwartet. Inzwischen geht meine Irritation allerdings mehr in Richtung der FAZ, dass sie Don Alphonso ein Forum gibt. Irgendwie finde ich das gar nicht so weit weg von dem aktuellen Aufreger, wo PRler verdeckt einseitig *positive* Beiträge in fundamentalistischen Blogs schreiben. Dass fundamentalistische Blogger jetzt quasi verdeckt einseitig *negative” Beiträge in klassischen Medien schreiben, finde ich eine interessante Variante.
Aber zurück zum eigentlichen Thema, zur “Generation Polemik”. Ich finde die aktuelle Situation in Deutschland einfach nur bedauerlich. Wir haben keine Kultur des Respekts vor Engagement. Keine Kultur der Anerkennung. Keine Kultur der Differenzierung. Überall wird sofort Raffgier und rein wirtschaftliches Interesse vermutet, streng nach dem Motto: “Vodafone tut ja nur so, als ob sie sich öffnen, damit sie uns besser bescheißen können – aber nicht mit uns!” Ich wiederhole hier noch einmal, was ich schon vorher gesagt habe: Ich finde, Vodafone hat Anerkennung verdient. Sie haben keine Anerkennung für eine tolle “Social Media Aktion” verdient, die war tatsächlich schlecht. Und ich halte die Testimonials auch für nicht unbedingt glücklich gewählt.
Aber Vodafone wagt etwas. Sie stellen sich, sie setzen sich mit dem Feedback auseinander. Sie verstehen “Social Media” noch nicht wirklich, auch nicht, was jetzt hier gerade mit ihnen vorgeht. Das ist okay. Wer versteht “Social Media” schon? Aber sie wollen es. Und das finde ich bemerkenswert. Mir ist egal, wie sehr man mich als “Beratergeier” tituliert oder mir “schamlose Eigenpromotion” vorwirft: Ich werde weiterhin jeden anerkennen, den ich anerkennenswert finde. Und ich werde weiterhin in diesem Blog Fehler und Alternativen aufzeigen, so ich denn meine, welche zu sehen.
Ich persönlich will mich von diesen (sehr geschickten) Polemikern nicht ins Bockshorn jagen und mundtot machen lassen. Ich werde weiterhin sagen, was ich denke, und ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass Unternehmen transparenter werden, offener und authentischer kommunizieren, und: AUCH FEHLER MACHEN DÜRFEN! Und ich möchte jeden anregen, es genau so zu tun. Ich mag den Begriff “Generation Upload” nicht, er ist mir viel zu wenig “dialogisch”. Aber noch viel weniger mag ich die “Generation Polemik” oder die “Generation Nörgler”.
P.S. Ich will noch darauf hinweisen, dass talkabout mal für Arcor gearbeitet hat, die ja heute in Vodafone aufgegangen sind. Wir wurden im März 2008, als Arcor noch eigenständig war, mit Pressearbeit für den Geschäftskundenbereich von Arcor beauftragt. Von “Social Media” haben wir nicht mal ansatzweise besprochen. Die Zusammenarbeit wurde im Zuge der Überahme Arcors durch Vodafone Anfang des Jahres eingestellt. Hier gibt es keinerlei Zusammenhang zu der aktuellen Diskussion. Und mir wäre es wirklich egal, ob das Vodafone, Pampers oder die Kamps-Bäckerei wäre.


