Die richtige Zeit für ein neues PR-Verständnis. Oder: Es sind die Menschen, Dummkopf!

Posted by mirkolange on Januar 11, 2010 at 2:55 pm.

PR ist ein Schimpfwort. So scheint es jedenfalls vielfach. Früher habe ich scherzhaft erzählt, dass ich eher sage, ich sei Rausschmeißer in einem Porno-Kino, als dass ich zugebe, ich sei PR-Berater. Das hätte ein besseres Image. Das tue ich heute nicht mehr. Ich bin gerne PR-Mensch. Aber das Image von PR ist immer noch seltsam. “PR” taucht scheinbar immer im Zusammenhang mit dem Wort “nur” auf. Faszinierend!

Ich bin heute auf einen Blogpost bei freitag.de gestoßen, in dem eine Katrin Schuster fragt (oder sagt): “Twitter? Nur ein weiterer PR-Kanal …“. Sie berichtet von einer Veranstaltung, auf der eine ganze Menge Menschen im Podium saßen, die ich kenne, z.B. Richard Gutjahr vom BR, die freie Journalistin und Bloggerin Ulrike Langer und Michael Praetorius, Leiter Online von Antenne Bayern. Katrin Schuster schreibt darin einen interessanten Satz: “Wenn Journalisten twittern, facebooken u.ä., dann geht es weniger darum, mit den Lesern zu kommunizieren, als vielmehr und allererst darum, Werbung für das eigene Blatt zu machen.” Das scheint mir durchaus auch auf “Unternehmen” und “Kunden” übertragbar. Und wieder das “nur” in der Headline!

schlange

Woher kommt dieses Misstrauen gegen “PR”? Das Problem ist ja hier, dass Unaufrichtigkeit unterstellt wird. Warum wird jedem, der ein Gewerbe (oder einen sonstigen Broterwerb) betreibt, gleich unterstellt, er bezwecke eigentlich nur das eine, selbst wenn er etwas anderes tut? Liegt es daran, dass “PR” lange Zeit ein Synonym für Manipulation, Propaganda, Unaufrichtigkeit und Ausnutzung war? Weil Unternehmen nicht nur nicht authentisch, sondern vor allem nicht integer waren? Oder (teilweise) immer noch sind? Ist der Vertrauensverlust tatsächlich so tief?

“PR” ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Journalisten haben ebenso wie Unternehmen durch den massiven Medienwandel (siehe dazu auch die Präsentation im letzten Blogpost) ein Problem: Sie sehen sich immer größeren Wettbewerb ausgesetzt – und sie verlieren sowohl die Informations- als auch die Deutungshoheit. Immer mehr Menschen artikulieren ihre Meinung. Und viele Menschen haben damit tatsächlich etwas zur Meinungsbildung beizutragen. Die Relevanz von Beiträgen in sozialen Medien ist vorhanden.  Willkommen in der Realität!

(Richtige) Social Media ist die Chance der PR. Der Begriff “PR” ist verkommen als Synonym für “PRopaganda”. Der Begriff “Beziehung” (“Public Relations“) ist dabei oft verloren gegangen – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Natürlich muss sich “PR auch rechnen”. Es ist die Verantwortung eines Unternehmens, kein Geld aus dem Fenster zu schmeißen und dann bankrott zu gehen. Aber ich weiß, dass es viele Kommunikatoren gibt (ebenso wie Journalisten), die mit sehr viel Leidenschaft das tun, was sie tun. Sie sprechen nicht deshalb mit Menschen, weil sie etwas verkaufen wollen. Sie kommunizieren mit Menschen, weil sie eine Botschaft haben. Ich lege da zumindest bei Richard Gutjahr, Ulrike Langer und Michael Praetorius die Hand dafür ins Feuer. Sie machen das, was sie tun, gerne. Sie glauben an ihr Unternehmen und an deren Produkte – egal ob es ein Consumer-Electronic-Hersteller oder ein Verlag, egal ob es ein Videokamera oder ein Nachrichtenmagazin ist.

Es sind die Menschen, Dummkopf! Bill Clinton sagte: “It’s the economy, stupid”. Aber die ist es nicht mehr. Es sind die Menschen. Wenn Unternehmen (und Verlage) verstehen, dass sie über Social Media Menschen nach vorne stellen, wenn Unternehmen (und Verlage) verstehen, dass leidenschaftliche und überzeugte Menschen in unserer heutigen Welt ein ganz großes “Asset” sind, und wenn Unternehmen (und Verlage) verstehen, dass sie diesen nicht nur viele Möglichkeit zum Kommunizieren geben, sondern ihnen auch zuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen in der wahren Welt berichten, dann werden nicht nur die Unternehmen erfolgreicher, dann wird PR auch zu dem, was PR eigentlich sein kann – oder schon immer sein sollte: Menschen aus Unternehmen bauen Beziehungen (“Relations”) zu Menschen auf. Sie tauschen sich aus. Unter Menschen. Sie sind offen, transparent und aufrichtig. Sie sind authentisch. “Gute PR” war übrigens schon immer so.

Social bleibt social – auch wenn es dem Geschäft dient. Das mag alles naiv klingen. Ich habe aber keinen Zweifel daran, dass Social Media die Welt “etwas besser machen wird”. Das ist genauso wenig eine Utopie wie “Corporate Social Responsibility”. In beiden Fällen machen Unternehmen (auch) aus einer kommerziellen Motivation etwas Gutes und etwas Richtiges. Na und? Wenn sie etwas Gutes bewirken, warum sollen sie nicht auch davon profitieren? Auf kurz oder lang werden “gute Beziehungen” und ein transparentes Handeln ein Werttreiber für Unternehmen sein – für manche Branchen sind sie das heute schon, und manche Unternehmen reüssieren bereits dadurch. Diese guten Beziehungen kann man nicht “faken”, jedenfalls nicht nachhaltig. Oder anders gesagt: Nicht besser als jede andere Beziehung auch. Wenn Unternehmen diese Aufgabe ernsthaft wahrnehmen – und das tun viele – , dann sind die Beziehungen auch real.

Alles “nur” PR. Ich freue mich darauf, wenn das Akronym “PR” mal ohne den Zusatz “nur” verwendet wird. Es ist redlich und es ist wichtig, dass Unternehmen Beziehungen aufbauen. Es ist redlich und es ist wichtig, dass Unternehmen mit Menschen sprechen. Unternehmen stehen nicht außerhalb der Gesellschaft. Unternehmen sind vielmehr die wichtigste Säule der Gesellschaft. Sie ermöglichen Menschen nicht nur, ihre Miete zu zahlen. Sie geben dem Leben von Menschen auch Sinn – was man deutlich sieht, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren. Unternehmen können und müssen am öffentlichen Dialog teilnehmen – durch die Menschen, die für das Unternehmen und deren Ideen stehen. Sie haben nicht nur das Recht dazu. Es wird überlebensnotwendig. Sowohl für die Unternehmen als auch für die Gesellschaft. “PR” kann dafür sorgen, dass ein Unternehmen seinen Platz in der Gesellschaft findet (um nicht Community zu sagen) – und nicht, dass ihm mit Skepsis begegnet wird.

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Die richtige Zeit für ein neues PR-Verständnis. Oder: Es sind die Menschen, Dummkopf!9.31012
  • Sehr klug! Danke.
  • Ich bilde mir ein, dass sich die Wahrnehmung von PR in den letzten Jahren verbessert hat. Und das sage ich vor allem aus meiner Sicht als Journalist. Das hat auch etwas damit zu tun, dass in den beauftragenden Unternehmen das Modell "Geld spielt keine Rolle" langsam ausläuft. Ich erinnere mich an PR-Leute von großen IT- und Software-Unternehmen, die vor ca. 10 Jahren aufgetreten sind wie Graf Koks von der Gasanstalt. Üppige Einladungen zum Essen, Flug bezahlen, die ganze Kapelle sozusagen...Ich habe mich - ehrlich - auf sowas nie eingelassen, aber ihren schlechten Ruf hatten die Jungs dadurch bei mir weg. Und das Unternehmen dahinter im Unterbewusstsein gleich mit dazu...Heute werden auch durch die Schnelligkeiten digitaler und sozialer Medien die Gewichtungen anders gesetzt. In den Unternehmen gibt es mehr und mehr Abteilungen, die viele der damals ausgelagerten Dienste selbst erfüllen - etwa über ihre Twitter-Kanäle. Den PR-Leuten wird durch die viel höhere Bedeutung von Authentizität, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit eine Art Selbstreinigungsprozess aufgedrückt, der der Branche insgesamt gut tut. Auch für die PR gilt damit: Der Mensch hinter dem Kontakt (zu den Medien etc.) wird wichtiger, große Network-Verteiler nachrangiger. Ergo ist Social Media eine Art Wirkungsverstärker für die Rückkehr zum Wesentlichen...
  • Stephan Schäfer
    Und wenn dann die Verbindung zwischen PR- Abteilung/ Marketing und Vertrieb stimmt, kann es nur ein Erfolg werden.
  • Hallo Stephanie, richtig, richtig toller Beitrag. Das zeigt auch, dasss sich die Rolle der PR-Verantwortlichen ändert - oder ändern muss. Wobei das an anderer Stelle schon mehrfach gesagt wurde (erinnere micht nicht mehr genau, wo): Die PR-Verantortlichen müssen intern immer mehr zum "Enabler" werden. Sie müssen die Mitarbeiter schulen, "echten Dialog" zu führen, und sie müssen mit der Geschäftsleitung arbeiten, dass dafür im Unternehmen die richtige Kultur besteht.

    Aber was heißt "müssen". "Müssen" muss niemand etwas. Aber es hat alles Konsequenzen. Ich glaube, dass sich viele Menschen den Unternehmen zuwenden, die das tun. Die das aufrichtig tun. Also ist es schlichtweg ein Wettbewerbsvorteil. Manche Unternehmen wollen den nutzen. Anderen ist das Risiko zu groß. Oder sie glauben nicht dran. Jeder, wie er will.
  • stephanieristigbresser
    Ich glaube auch, dass Social Media uns die Chance gibt "richtige" Public RELATIONS im Wortsinne zu praktizieren und ja: so hätten Public RELATIONS schon immer sein können.

    Und die Realität... mal ein anderes "Rampensau"-PR-Bild, das vielleicht eine gute Ergänzung ist:

    Über acht Jahre habe ich in einem Konzern im Bereich PR gearbeitet. Bis vor wenigen Jahren noch kursierten große gelbe Zettel in der PR-Abteilung betitelt mit: Telefonnotiz. Und wenn im Feld "Medium" dann Spiegel oder Focus stand, dann wurden die Zettel vom einen Schreibtisch zum anderen geschoben. Und irgendwie klebte Angst daran, als würde gleich eine ganze Horde Investigativ-Wölfe hinter der angegebenen Telefon-Nummer lauern. Manche Anrufe wurden einfach ausgesessen. Und so kam es, dass dann manchmal Mitarbeiter aus der PR-Agentur als Pressesprecher des Unternehmens XY zitiert wurden, einfach weil die Medien kein anderes Futter bekamen. Auf Pressekonferenzen haben Agenturvertreter und Pressereferenten den Unternehmenssprechern Journalisten "zugeführt" (und ich glaube, wir haben es wirklich so genannt). Und manchmal hatte ich das Gefühl, die Agenturen waren eigentlich nicht Vermittler zwischen Journalisten und Unternehmen, sondern eher Schutzwälle.... Außerdem selbstredend: wir PR-Mitarbeiter "ohne Sprecherfunktion" haben in informellen Gesprächen IMMER den Satz untergebracht: "Ich darf aber bitte nicht zitiert werden, okay?"

    Natürlich gibt es auch ein zweites Bild: Fulminante Präsentationen von Produkten oder Zahlen vor der Journaille. Sicheres Terrain, dicke Hose, Champagner schlürfen, fette Geschenke im Hotelzimmer hinterlegen. Und der eine oder andere Sex war/ist sicherlich auch dabei. Insofern ist das Pornobild irgendwo stimmig ;-).

    Diese beiden Bilder sind sicherlich sehr extrem gezeichnet. Nur bilden sie wohl leider ein wenig (PR)-Realität ab. Was ich mir wünsche, ist ein wirklicher Dialog zwischen Unternehmensvertretern (und nicht nur einigen wenigen mit Sprecherfunktion), Journalisten, Kunden und weiteren Interessengruppen. Eine Inszenierung und Kreation von Botschaften ist ein legitimes "rhetorisches" Mittel (das auch Athentizität transportiert, denn jede Unternehmenskultur gebiert andere Mittel), das akzpetiert wird, wenn der Dialog echt wird. Nur scheint mir das bei einigen noch mit einer riesigen Mauer verbaut zu sein: der Angst davor.
  • Genau so war es gemeint, und genau so wollte ich es auch sagen :-)
  • Hat mich dieses Schlangenbild erschreckt! ;-)

    Aber zum Thema: Völlig richtig ist, dass man Authentizität nicht faken kann. Wenn ich das Unternehmen, in dem ich arbeite, nicht grundsätzlich gut fände, könnte ich nicht richtig arbeiten. Dann merkt man sehr schnell, ob Journalist oder Follower., dass da was nicht stimmt (das zum Stichwort Gutjahr, Praetorius etc.).
    Und ja: Wenn ein Unternehmen Gutes tut, will es gerne darüber reden (lassen! <seit neuestem) und darf dann auch gerne an positivem Image und Bekanntheitsgrad gewinnen. So ist es gedacht. So entstehen auch gute Beziehungen - naja, wie sonst, außer etwas gutes zu tun.
    Sehr guter Beitrag.
  • kucklick
    Stimme dem Tenor zu - wie in allen Branchen, gibt es auch in der PR schwarze Schafe, die allerdings ein unverhältnismäßig schlechtes Licht auf den gesamten Berufsstand werfen.
    Der letzte Punkt dagegen, dass "Unternehmen mit Menschen sprechen", ist ein oft wiederholter (gefährlicher) Irrglaube: Nur die Menschen hinter dem Unternehmen können mit Menschen sprechen und so dem Unternehmen ein Gesicht geben. Die Reputation, Sympathie etc. der Mitarbeiter projiziert sich dann auf das Unternehmen.
  • spricht mir aus der Seele, Mirko! Es ist tatsächlich wichtig, dem Begriff Relations in PR wieder mehr Gewicht zu verleihen.
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