Google+ Circles in der Kommunikation und das große Versäumnis von Google?

Posted by on November 19, 2012 at 8:54 am.

Anlässlich eine G+-Konzeptes für ein größeres Unternehmen überprüfe ich gerade gedanklich die Sinnhaftigkeit von Circles. Google hebt bei den Circles ja vor allem hervor, dass man damit einzelne Zielgruppen besser adressieren könne. Das mag für Privatleute Sinn machen. Unter Umständen auch, wenn man Google+ als “Social Intranet” einsetzt. Wenn es um Unternehmenskommunikation geht, macht uns Google offensichtlich etwas vor – wohl auch deswegen, weil sie bisher einfach ein wesentliches Element vergessen haben?

Quelle: Google (http://www.google.com/intl/de/+/learnmore/sharing/)

Google schreibt selbst auf der Seite “Google+ für Unternehmen”: “Mithilfe von Kreisen können Sie Nutzer je nach Bedarf einordnen, beispielsweise nach Standort oder Interessen. So können Sie sicherstellen, dass Sie die richtigen Beiträge mit den richtigen Personen teilen.” Auch die Headline der Seite ist irreführend: “Kommunizieren Sie gezielt mit den richtigen Personen”. Wie soll das denn gehen? Das ist doch leider komplett wirklichkeitsfremd. Wie soll ein Unternehmen denn sinnvoll Circles erstellen? Soll ein Unternehmen wirklich händisch den Standort eines Followers ermitteln? Und woher soll es wissen, welche Interessen der Follower hat? Das ist doch – man kann es kaum anders sagen – absurd! Dazu kommt, dass es ja gar nichts bringt, wenn ich einen Menschen zu einem Circle hinzufüge. Damit kann man ihn ja genau nicht “ansprechen”. Das macht nur Sinn, wenn dieser Mensch zuerst dem Unternehmen folgt – dann kann man den in ein Circle packen. Aber soll ein Unternehmen wirklich ständig alle neu hinzugekommenen Follower kontrollieren?

So machen Circles Sinn

Tatsächlich machen Circles in der Unternehmenskommunikation nur dann Sinn, wenn sich die Follower selbst in die Circles eintragen können. Das Unternehmen würde dann die Circles anlegen, und der interessierte Leser würde sich selbst hinzufügen. Und von diesen Circles sind Dutzende denkbar. So könnte ein Unternehmen einen Circle für Unternehmensnachrichten haben, einen aus der Personalabteilung, je einen für eine einzelne Produktlinie oder gar ein Produkt, einen zum Thema “Soziale Verantwortung” und vielleicht sogar einen, der “Kundenmagazin” heißt (vielleicht sogar einen mit “Cat-Content”?). Wie gesagt, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Und endlich würde Google+ mal so richtig Sinn machen und die Kritik würde verstummen. Facebook arbeitet neuerdings mit Listen, mit Subscribe-Möglichkeiten, mit der Option, Hinweise auf Fanpage-Postings in den Benachrichtigungen anzuzeigen usw. usw. Alles nur, damit der Nutzer seinen Nachrichtenstrom besser organisieren kann. Und viele sagen, das mache ohnehin keinen Sinn, weil die meisten Nachrichten der Unternehmen ohnehin nervig sind. Und es stimmt: Kaum ein Mensch (außer eben der echte Fan) ist an _allen_ Nachrichten eines Unternehmens interessiert – wohl aber an einzelnen. Und auch das Unternehmen ist glücklich, weil es nicht ein halbes Dutzend oder mehr Präsenzen aufbauen muss, sondern an einer einzigen Adresse bei Google+ zu finden ist. So eine Funktion des Selbst-Circlens würde also richtig Sinn machen – sowohl für die Nutzer als auch für Unternehmen.

Hoffentlich kommt noch was von Google+

Google+ hat ja jüngstens angekündigt, dass 2013 das Jahr von Google+ sein soll. Angeblich seien nur 20% der geplanten Features integriert. Mich freut diese Nachricht. Denn genau so ist mir Google+ bisher vorgekommen: Wie eine 20%-Lösung. Auch wenn ich weiß, dass gewissen Dinge einfach seine Zeit brauchen, hat mich das schon immer gewundert. Wie es sich Google leisten kann, in fast eineinhalb Jahren nicht über diese 20% zu kommen. Aber warten wir es einmal ab. Vielleicht wird ja Google+ rasch noch zu dem, was wir alle (oder zumindest einige) vor eineinhalb Jahren erwartet hatten. Mir fielen spontan mindestens noch ein halbes bis ganzes Dutzend weiter Features ein.

Nutzen von Circles heute?

Aber ich will doch noch mal nachfragen: Habe ich vielleicht irgendetwas übersehen? Gibt es (für Unternehmen!) doch irgendeinen Nutzen der Circles? Ich meine jetzt nicht, dass man über Circles ja auch Gruppen organisieren kann, die man _lesen_ will. So etwas würde ich in einem Unternehmen immer über die privaten Accounts der Kommunikationsmanager machen und nicht über die Corporate Seite. Und ich meine auch nicht ein Intranet, wo man mit manchen Nachrichten nur die Vertriebsleute erreichen will, und mit anderen die Personalabteilung (wobei hier ein “Self-Subscribe” auch viel mehr Sinn machen würde als eine zentrale Administration).

Nachtrag

Ich habe jetzt einen interessanten Case gefunden. Cadbury hat vor ziemlich genau einem Jahr versucht, seine Follower in Circles zu organisieren. Dafür hat Cadbury einen Post verfasst, in dem sie ihre Follower aufgerufen haben, Cadbury zu folgen und ihnen dann im Kommentar mitzuteilen, für welche Circles sich die Leute interessieren (siehe Screenshot). Zur Wahl standen die Circles “Cadbury Dairy Milk”, “Cadbury Creme Egg” und “Cadbury Wispa”.  Cadbury hat die Leute dann händisch [sic!] zu den Circles hinzugefügt. Auf dieses Posting haben 105 Leute reagiert (siehe Screenshot ganz unten), von denen aber ganz viele nur allgemein reagierten wie mit “oh yum”. Damals hatte Cadbury rund 1.700 Follower, es haben also immerhin rund 5 Prozent reagiert. Ein beachtlicher Erfolg! Heute hat Cadbury  2.755.541 Follower (in Worten: Zweimillionensiebenhundertfünfundfünzigtausendfünfhunderteinundvierzig).  Aber Cadbury selbst hat nur 1.665 “gecircled”, wie man auf der Profilpage leicht sehen kann. Das sind 0,06 Prozent. Aber das Konzept ist ja davon abhängig, dass Cadbury diese Leute auch in ihre Circles packt – sonst funktioniert das ja nicht.  Ganz offensichtlich hat Cadbury also dieses Circles Konzept wieder verworfen.

Zweite Nachtrag: Hashtags

Es gibt übrigens noch ein zweites, sehr bedauerliches Versäumnis von Google+. Und das betrifft die Hashtags. Hashtags sind eigentlich ein geniales Mittel, um Content auf Google+ zu managen. Man könnte einen Themenplan erstellen und alle Postings bestimmten Kategorien zuordnen. Wir hatten das mal im Rahmen eines Konzeptes für ein Presse-Kanal von talkabout für die Kunden angedacht. Wir hätten  eine Google+-Seite “talkabout Pressoffice” erstelle und dort die Pressemitteilungen unserer Kunden eingestellt. Jeder Kunde hätte dann einen eindeutigen Hashtag bekommen und auf Klick hätte man alle Pressemitteilungen des Kunden gesehen – quasi als Filter. Wir haben dann aber davon Abstand genommen, weil das jeder ganz leicht ausnutzen oder hätte boykottieren können. Denn der Klick auf den Hashtag hätte eben alle Postings mit dem Artikel gezeigt. Auch die von ganz anderen Usern, und auch solche, die vielleicht gar nichts mit unseren Kunden und deren Pressemitteilungen zu tun hätten. Findige Leute hätte auch ganz einfach “Werbeanzeigen” posten können und mit dem Hashtag versehen. Bei unserem Pressoffice vielleicht nicht, aber bei großen, bekannten Marken kann das leicht passieren. Toll wäre doch z.B. ein “Tildentag” oder ein &-Tag – und der würde dann nur die Postings von der jeweiligen Seite filter. Auch das wäre eine “ganz einfache” Maßnahme, die aber das Potenzial von Google+ ganz erheblich erweitern würde…

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 10.0/10 (2 votes cast)
Google+ Circles in der Kommunikation und das große Versäumnis von Google?, 10.0 out of 10 based on 2 ratings